Route 76 - Fluch(t)geschwindigkeit
Hitze! Unbarmherzige Hitze.
Gefühlt mindestens 58°C. Wahrscheinlich noch mehr.
Die Luft über dem weich gekochten Asphalt flimmert.
Links und rechts meiner Strecke wächst kein einziger Grashalm mehr im ausgetrockneten, rissigen Erdreich.
Nur eine Horde sabbernder Hyänen trabt neben mir her. Ihr gruseliges, gieriges Lachen lässt mich erschaudern. Ihr kriegt mich trotzdem nicht!
Aber der Weg zum Ziel ist noch so unendlich weit! Der erste Tankstopp liegt gerade erst ein paar Meter hinter mir.
Meine „Route 76" verliert sich diffus am Horizont im Nirgendwo.
Wie soll ich das nur schaffen?
Über mir kreisen bereits lauernd die ersten Aasgeier …
Meine Schuhe versinken im weichen Asphalt der Straße. Jeder Schritt wird zur Qual.
"36 Grad und es wird noch heißer …"
Dann dieses dumpfe Brummen und Summen.
Zunächst kaum wahrnehmbar.
Jetzt höre ich es deutlicher.
Es klingt irgendwie höher. Viel höher.
Wahrscheinlich spielt mir nur mein weich gekochtes Hirn einen Streich.
Aber nein, ich bin mir jetzt ganz sicher!
Ein einzelner, unangenehm hoher Ton, der sich zwischen meinen Ohren festsetzt.
Eine Mücke! Vergiss es, du elender Schmarotzer!
Auch du kriegst mich nicht!
Ich lege einen Zahn zu, obwohl ich bereits zentimetertief im flüssigen Asphalt versinke.
Doch das anfangs leise Summen schwillt unerbittlich zu einem infernalischen Konzert an. Eine hysterische, blutgeifernde Kakophonie, angeführt von einem einzigen, stechbereiten Mistvieh.
Ich drehe mich keuchend kurz um, halb laufend, halb stolpernd.
Oh nein!
Eine ganze Armada dieser fliegenden, sirrenden und schwirrenden Untoten ist hinter mir her und fordert mit der Empathie eines Inkassounternehmens ihren Blutzoll ein.
Aasgeier und Hyänen schauen belustigt zu.
Ich muss unbedingt schneller laufen. Aber wie schnell nur?
Meine aktuelle Pace ist schon ziemlich gut für jemanden, der das Gewicht einer Kiste Bier zusätzlich mit sich am Speckgürtel herumschleppt.
Ich sehe förmlich euer Grinsen. Lacht nur mit den Hyänen um die Wette über mich!
Ich bin also aktuell mit 8,8km/h unterwegs.
Aber wie schnell fliegt eigentlich eine durchschnittlich trainierte Mücke?
Und wie schnell diese lästigen Schmeißfliegen? Und erst recht Bremsen?
Ha!
Nur läppische 1,5 bis 3,6 km pro Stunde schafft so eine alberne Mücke.
Die hänge ich doch mal ganz locker ab!
Die Schmeißfliege liegt da allerdings schon ziemlich genau auf meinem Laufniveau, vielleicht ist sie sogar ein wenig schneller. Die sticht zwar nicht, ist aber auf meinen Schweiß scharf und nervt gewaltig.
Rieche ich etwa schon wie Abfall? Unverschämtheit!
Aber mit ein bisschen Training laufe ich dem Ekelvieh irgendwann davon. Bestimmt! Und dann kann sie sich über eine andere Biotonne hermachen.
Gegen die fiesen Bremsen habe ich allerdings keine Chance.
Mit mindestens 18km/h sind diese Quälgeister auf Jagd. Hätte ich nicht gedacht bei dem Namen.
Ha, ha.
Abhauen zwecklos. Die jagen mich nicht, sondern machen kurzen Prozess mit mir.
Ich.kann.nicht.mehr.
Wenn wenigstens diese unerträgliche Hitze nicht wäre!
Mein Hirn fiepst nur noch auf Notstrom und ich sehne die kühlende Nacht herbei.
Da kommt mir der rettende Gedanke!
Plan B! Ich werde überleben!
Angenommen, ich laufe schnell genug Richtung Osten, dann müsste die Sonne doch deutlich schneller untergehen. Irgendwie logisch, oder etwa nicht?
Fix nachgerechnet:
Auf meinem Breitengrad und mit meiner Pace knöpfe ich der Sonne satte 32 Sekunden pro Stunde ab. Genial, oder?
Also immer weiter ostwärts traben. Höhe Warschau müsste mich dann endlich die kühlende Nacht umarmen.
Ich könnte allerdings auch einfach hier stehen bleiben und abwarten.
Ja, einfach stehen bleiben. Fallt doch über mich her! Mir doch egal!
Ich schleppe mich trotzdem weiter.
Über mir kreisen immer noch die Aasgeier, nur deutlich tiefer. Ich höre förmlich, wie sie bereits ihre Schnäbel wetzen!
Und neben mir trabt immer noch eine Hyäne und taxiert mich mit einem unangenehm interessierten Gesichtsausdruck.
Aus den Rissen im Asphalt kriechen seltsame Kreaturen, wie sie sich nicht einmal Hieronymus Bosch hätte ausdenken können.
Im Hintergrund höre ich Kirchenglocken läuten.
Dann dieser Schmerz in der Schulter! Der erste Aasgeier hackt seinen scharfen Schnabel in mein Fleisch! Und noch einmal und noch einmal!
Aaaahhhh! Das Ende naht!
"Schatzi! Es ist halb fünf, dein Wecker klingelt schon die ganze Zeit!", sagt meine, wie immer bessere Hälfte, auf meine Schulter tippend, zu mir.
Was? Wie?
Ach ja, stimmt. Ich wollte doch ganz früh raus, um vor dieser Affenhitze meine kleine Runde zu drehen.
Sie hat mich mal wieder gerettet, meine Traumfrau!
Vor Aasgeiern, Hyänen und sonstigem Gruselgetier, die mich in meinem Albtraum heimgesucht haben.
Zurück im Hier und Jetzt:
Drei Läufe habe ich seit meinem letzten Blog absolviert im bekannten Tempo und bekannten Pulsbereich …
Nachsatz:
Die Mücken haben es leider mit aus meiner Traumwelt ins wirkliche Leben geschafft. Trotz anders lautender Beschreibung auf der Anti-Mückensprayflasche haben sie mich letzte Nacht erbarmungslos abgestochen.
Können wohl nicht lesen, diese ungebildeten Schmarotzer!
13 Läufe · 1 Kraft
3 Messungen